Es war Abend- oder Morgendämmerung als es begann. Genau kann ich es nicht mehr sagen. Wir befanden uns in einem flachen, kreisförmig abgezäunten Areal. An jedem Standort konnte man den jeweils gegenüberliegenden Zaun sehen. Erde und ein wenig Gras sowie die ein oder andere kleinere Mulde prägten das Landschaftsbild. Bis auf den hohen Metallzaun der uns einsperrte und vielleicht die Kleidung an unserem Körper gab es keine Anzeichen von Zivilisation. Wir waren eine Gruppe von 15 bis 25 Männern und Frauen und irgendwie war es ähnlich einem Zoo. Nur waren wir nicht die Besucher, sondern selbst die Attraktion. In der Mitte des Geheges fand ich die linke, diagonal von rechts oben nach links unten, abgetrennte Hälfte eines Kopfes. Das Gesicht des Mannes schaute mich an und ich wusste es war jemand aus unserer Gruppe gewesen. Es war ein scharfer Gegenstand gewesen der ihn zerteilte. Die Schnitte waren glatt und nicht zerfetzt oder ausgefranst an den Rändern. Es war kein Tier, kein Monster, welches ihn tötete. Keiner aus der Gruppe kam mir bekannt vor, kein Freund, Kollege, Klassenkamerad, Familienmitglied oder Lebenspartner war darin zu finden. Dennoch erschienen sie mir nicht fremd. Ich wusste das ich für sie verantwortlich war und rief sie alle mit lauter, kräftiger Stimme zusammen. Doch obwohl sich mein Mund öffnete, Töne hervorkamen und das bezweckte Ziel erreichten, drang keiner dieser Töne an mein eigenes Ohr. Es war gleich einem Stummfilm. Ein paar distanzierten sich und nahmen keinen Anteil an dem was geschehen ist. Als wäre es normal gewesen. Auch die anderen Reaktionen fielen nicht so aus wie man es von einem normalen Menschen erwarten würde. Nüchtern, könnte man sagen. Ich rief oder verlangte gar nach einem Katana als Waffe zur Verteidigung. Von je her hatte ich eine besondere Beziehung zu diesen Waffen. Wir, die Gruppe, sammelten uns am Tor und sahen nach draußen. Ein Waldweg führte durch das was draußen, außerhalb unserer… Heimat?… auf uns wartete. Hinter mir stand plötzlich ein großer, runder Glastank dessen Inhalt mit einer grünen Flüssigkeit gefüllt war. Eine blonde Frau starrte mich voller Hoffnung gemischt mit Verzweiflung an und mir wurde bewusst welches Verhältnis sie zu dem toten Mann gehabt hatte. Es brauchte in diesem Moment keinerlei Worte. Wie ein Alchemist aus Fantasiewelten gemischt mit einem modernen Wissenschaftler im Gebiet des Klonens fühlte ich mich in diesem Moment. Ich legte die Gesichtshälfte des Mannes in den Tank. In diesem Moment war ich mir, glaube ich, sicher richtig zu handeln. Ich konnte es nachvollziehen…
Das Metalltor öffnete sich und wir gingen als gesammelte Gruppe los. Einzig und allein das Gefühl diese Frau und das was von dem Mann übrig geblieben war hinter mir zu lassen oder zurückzulassen beschlich mich. War es Schuld, Trauer, Reue?
Ich war ziemlich weit hinten um alle und alles im Blick zu haben. Alle sollten dicht beieinander bleiben damit keiner verloren geht. In diesem Moment kam ich mir vor wie ein Lehrer der die Aufsicht bei einer Klassenfahrt oder einem Wandertag führte. Ein Bild vor meinen Augen tauchte auf – Ein weiteres kreisförmig abgezäuntes Areal. Eine Stadt? Oder nur ein weiteres Gehege? Ein Neuanfang? Bis heute kann ich nicht beschreiben welches Gefühl ich empfand als dieses Bild vor meinen Augen auftauchte. Wolfsähnliche Kreaturen und viergliedrige unbeschreibliche weiße Mutanten mit rot glühenden Augen standen am Wegesrand. Ich wusste nicht ob sie gefährlich waren. Ob sie uns töten wollten. In dem Moment kam es mir eher so vor als würden wir uns in ihrem Lebensraum befinden, wir waren die Eindringlinge, wir waren die Störung des Gleichgewichts. Es kam mir so vor als würden sie zur Kulisse gehören. Nun reisen wir, schutzlos und ängstlich durch ein uns unbekanntes Gebiet zu einer mir gegebenen Vision eines anderen Ortes ähnlich dem den wir entfliehen.
Und erst jetzt, nach beginn der Reise, überlege ich mir ob ich mich geirrt habe. Es war kein Tier, Kein Monster? Ich bin ein Tier, aber bin ich ein Monster? Tötete ich diesen Mann mit meinem eigenen Katana? Habe ich ihn umgebracht? Warum? Für den Beginn einer Reise? Und gehörte er nicht zur Gruppe, war ich nicht für ihn verantwortlich. Erst jetzt begreife ich wer diese Frau war, wer dieser Mann war. Von dieser Verbindung kann ich mich nicht mehr trennen.
Bitte lasst es die Heilung sein auf deren Suche wir uns befinden. Oder sind wir eine Gruppe von Soziopathen geworden?
Oder bin nur ich es?