„Hallo Kate“
Sie hob ein wenig den Kopf und schaute mich an.
„Du weißt warum du hier bist, oder?“
Sie nickte langsam und schloss dabei die Augen kurz.
„Gut. Wollen wir anfangen?“
Ein leichtes Grinsen bildete sich auf Ihrem Gesicht. Undefinierbar, genoss sie es etwa? Hielt sie mich zum Narren ohne das ich es wusste?
„Du kannst es verhindern. Du weißt das. Du konntest es immer“
Sie drehte sich ein wenig zur Seite. In diesem Moment erkannte ich das Sie Ihn sah.
„Du siehst Ihn, Richtig? Er ist hier. Hier in diesem Raum“
Sie fuhr sich langsam mit der Hand seitlich durch das Haar. Eine Strähne fiel ihr dabei ins Gesicht. Für einen kurzen Moment konnte ich es sehen.
„Er sagt dir was du tun sollst. Du brauchst ihm diese Macht nicht zu geben. Er wird sie ausnutzen und dir weh tun“
Ihre Hand glitt zur Strähne und schob sie, beinahe zärtlich, beiseite. Diesmal konnte ich es deutlich erkennen. Die Narbe an ihrer Hand war zum Vorschein gekommen.
„Du kannst Ihn kontrollieren wenn du es willst“
„Warum sollte ich das tun?“ sagte sie in einem ruhigen Ton in den Raum hinein ohne sich dabei an jemand bestimmtes zu wenden. Es wirkte fast so als spräche sie mit sich allein.
„Er wird dich verletzten. Menschen verletzen sich nicht selbst, noch sollten sie dies gegenseitig tun“ Ein Schauer überkam mich. Meine Hände begannen leicht zu zittern.
„Warum nicht? Etwas spüren zu wollen, zu wissen das man lebt, ist das etwa falsch? – Haben sie sich jemals verletzt?“ sagte sie wie beiläufig.
„Nein. Nicht auf diese Art und Weise. Nur bei Unfällen, Missgeschicken, manchmal auch durch andere Menschen. Leben ist vielfältig. Du kennst nur diese eine Seite und hast dich daran gewöhnt“
Ein Schauer, als hätte ich gelogen umhüllte mich, aber es war doch die Wahrheit. Warum also?
„Unfällen…“ wiederholte sie. „Sie haben auch Narben davongetragen, oder?“
„Ein oder zwei habe ich schon, ja.“ Antwortete ich, ohne es zu wissen, falsch. Worauf Sie sich wirklich bezog wurde mir erst später bewusst. Verlor ich selbst nun die Kontrolle über das Gespräch?
„Nicht ich bin es über den du Kontrolle erlangen sollst. Ich werde dir nicht weh tun. Ich biete dir Hilfe an“
Eine kurzes Schweigen legte sich über uns.
„Stell dir einen Sturm auf dem Meer vor und ich bin derjenige der dir das Seil zu wirft, aber du selbst musst hin schwimmen und es ergreifen um dich zu selbst retten“
„Und wenn es mir im Wasser gefällt? Was, wenn ich dort bleiben möchte? Und wer sagt denn wohin mich dieses Seil führen würde? Ist es nicht…“
Sie zögerte kurz und suchte nach den richtigen Worten.
„…meine Entscheidung ob ich dieses Seil ergreifen möchte oder nicht? Er wirft mir auch ein Seil zu. Warum sollte sein Seil gefährlicher sein als Ihres? Sie sehen beide ähnlich aus. Sie sind beide gleich.“
„Ich lasse dir die Wahl. Es ist kein Ultimatum. Es ist eine Chance die ich dir gebe. Eine Chance ohne ihn und seine Macht über dich zu leben“ – „Eine Wahl die er dir nicht lässt“
„Wir waren noch nie getrennt“
Erneutes Schweigen durchzog den Raum.
„Ich weiß“ Antwortete ich als wäre es mir bekannt.
„Ich will nicht sterben müssen um erneut zu leben. Es ist nicht körperlich. Es befindet sich auf der Grenze“
„Glaubst du er wird es dabei belassen?“
Sie drehte sich wieder beiseite und schaute Ihn lange an.
„Nein, er hat die gleichen Abgründe wie ich zu verbergen. Angst davor das Andere diese Abgründe sehen könnten. Er hält sich meist fern. Er zeigt mir wie ich diese meine eigenen Ängste und Abgründe kontrollieren kann“
„Durch Schmerz“
Sie schaute mich direkt an.
„Ja, durch Schmerz“
Schritte kamen näher, doch die Person zu der diese gehörten, entfernte sich wieder.
„Schmerz bedeutet für dich Schutz. Er, der dir diesen Schmerz gibt, wenn du auf ihn hörst gibt dir auch den Schutz. Und der Schutz gibt dir die Kraft dich abzuschotten. Die Isolation ist für dich Leben. Dein Leben ist sein Leben, aber das ist nicht möglich. Lebst du sein Leben ist dies eine Kopie. Ein Imitation des Lebens, welches nicht überlebensfähig ist. Ihr beide seid voneinander abhängig. Eine Symbiose die nicht existent ist, aber die du für essenziell hältst. Ist es nicht so?“
Einen Moment lang erschien es so als würde der Weg hinter die Mauer aus Unsicherheit unerreichbar.
„Ja, vielleicht“
„Was er dir nicht sagt ist, dass für dich dieser Schutz auch allein erreichbar ist“
Erneutes Schweigen legte sich auf das Gespräch.
„Wir sollten dies für heute beenden. Denke bitte über das Gesagte nach“
Ich verließ den Raum und schloss die Tür.
Eine Flucht?
Alles wurde dunkel. Der Spiegel den ich suchte…
Sie spiegelte mich. Er, den Sie sah aber nicht ich, war Ich.
Wer war Sie, wenn er Ich war?
Ich drehte mich um und öffnete den Raum.
Er war leer.
Kate?…