Wir saßen wie immer an einem angenehmen Herbsttag an unserem Lieblingsplatz. Wie eh und je gingen die gleichen Leute umher und das Rathaus stand (wie auch nicht anders zu erwarten war) an der gleichen Stelle wie immer. „Es wäre auch schwierig es dort wegzubewegen“ dachte ich mir. Wir saßen gemeinsam nebeneinander auf dem gepflasterten Marktplatz an unserem einzig wahren „Favoriten“ der dort stehenden Bäume. Für jeden Baum wurde von Beginn an schon eine Lücke im Pflaster freigelassen. Sie gehörten einfach zum „Ambiente“ wie mir einmal eine junge Dame mitteilte als wir uns über die Geschichte dieses Städtchens unterhielten. Was den Baum allerdings zu „unserem“ Baum machte war mir bis heute fremd geblieben. Er unterschied sich ja nicht sonderlich von allem anderen.
Eine ganze Weile unterhielt ich mich mit ihm über Gott und die Welt wie es so schön im Volksmund heißt. Es ging bei den Weltreligionen los und führte über die allgemeinen Glaubensrichtungen, die Existenzfrage und verschiedenen Theorien des Grundes schlussendlich zu den Sekten bis hin zu Energie und Teilchenbewegungen. Meines Erachtens gab es einen Gott, allerdings nicht so wie ihn sich die meisten vorstellten. Ich respektiere den Glauben von anderen sehr da ich selbst auch ernsthaft an ihm interessiert war. Ganz im allgemeinen wie Menschen eigentlich denken und fühlen und war stets bemüht mich auch selbst kennenzulernen. Nach seinem letzten Satz „Manchmal kommt es mir so vor als wären Religionskriege Konflikte zwischen erwachsenen Menschen, bei denen es darum geht, wer den cooleren, imaginären Freund hat“ der das Thema beendete schwiegen wir eine Weile. Die Leute gingen ihren gewohnten Machenschaften und Tätigkeiten nach. Es war kein Schweigen dachte ich eher ein Verarbeiten des gerade beredeten Stoffes und wir bereiteten uns durch das weiterspinnen unserer Gedanken darauf vor wieder in das Gespräch einzusteigen oder ein neues zu beginnen. Eine ganze Weile des wortlosen Verstehens verging bis ich einen älteren Herren mit Krückstock vorbeigehen sah. Ich schätze ihn um die 60 oder 70 Jahre. Zu gerne wäre ich wie ein klischeehaft Jugendlicher also angeber- und rüpelhaft, großspurig und kognitiv suboptimiert auf ihn zugegangen um ihn zum stolpern zu bringen beziehungsweise ihm mit voller Absicht und aller Wucht die ich aufwenden könnte mit meinem Bein gegen seinen Krückstock zu treten das er um den halben Platz geflogen wäre so das es jeder gesehen hätte. Nur um in Erfahrung zu bringen wie die Leute reagieren… ob sie schockiert daneben stehen, nichts tun, eingreifen oder etwas völlig Unerwartetes tun würden. Sicherlich wäre ich dazu nie fähig gewesen und mein Gewissen hätte mich auf ewig geplagt, aber ich hätte es nur zu gerne eine Tag davor mit dem älteren Herren abgesprochen…
Als ich meine Gedanken einfach aussprach um wieder für Gesprächsstoff zu sorgen kam nur ein lautes: „Idiot – du bist abnormal, anders, einfach verrückt“ in einem Ton der es bitter ernst meinte. Ein oder zwei Minuten vergingen und diesmal schwiegen wir uns wirklich auf eine unangenehme Art und Weise an, bis ich ruhig antwortete: „Was ist schon normal?…“ eine Zeitlang pausierte ich bis ich den Satz beendete „…das was von der Mehrheit der Menschen die auf diesem Planeten als dessen angesehen wird“ nach seinem Gesichtsausdruck und seinem Verhalten zu urteilen war er sichtlich beeindruckt, dachte darüber nach und schlug eine neue Perspektive ein.
Mein letzter Gedanke bevor ich mich von ihm verabschiedete war ein Zitat von einem mir Unbekannten: „Ihr Lacht über mich weil ich anders bin, ich lache über euch weil ihr alle gleich seid“.