Er streckte die Hand aus. Weit nach oben und mit voller Kraft. Jeder Muskel spannte sich in seinem Arm. Er spürte alles. Jeden Herzschlag, jede Welle, jede Zelle. Von Anfang an fühlte er. Das Bild, die Aura die es umgab, war wunderschön. Nackt und hilflos geboren, versteckt und verhüllt gelebt, unter Schmerz und Leid gestorben. Keine Fragen mehr. Die Antworten kannte er schon lange. Der Einzige der sich seiner eigenen Existenz, seiner eigenen Illusion bewusst war. Ausgesetzt in einer Welt die er nie sah.
Die Traumwelt zerrann langsam unter dem entnervenden Ton des Weckers. Klick. Stille und Dunkelheit umgaben Dich. Ich weiß was heute kommt. Ich will nicht. Ich will zurück. Und doch möchte ich nach vorn. Du musst. Zerrissen zwischen zwei Welten. Die Komplexität konnte ich nicht erfassen. Ich weiß was mich erwartet. Der Gedanke liegen zu bleiben wird stärker und auch die Gegenseite dessen gewinnt an Kraft. Sollte das Leben ein Kampf sein, der jeden Tag von neuem beginnt? Wer möchte schon in aller Frühe zu seiner täglich auferlegten Pflicht nachgehen? Es muss etwas geben, etwas was einen dazu bringt seinen eigenen Willen zu beugen und es zu überwinden. Gibt es etwas worauf du Dich freust? Einen Sinn? Einen Grund? Einen Zweck. Sind es nur verdammte Erfahrungen die zu Erinnerungen werden und nie verschwinden werden? Warum beginnt es jeden Tag von vorn? Ich lege die Decke beiseite und stehe auf. Ein wenig schwindelig und ein wenig benommen, aufgrund des seit Wochen andauernden Schlafmangels, war mir schon, aber es musste sein. Die Konsequenzen sind nicht fassbar aus meiner aktuellen Position wenn ich es nicht mache. Jeden Tag aufs neue fragte ich mich was mich heute dazu brachte aus dem Bett zu steigen. „Leiden wollen“ flüsterte eine Stimme. Verflucht. Zu Anfang Widersprach ich dieser Stimme. Dann folgte eine Phase des Zweifels und der Einsicht. Die Erkenntnis des Unrechts und vielleicht der Uneinsichtigkeit folgte kurz darauf. Verwirrung und Wut kamen danach. Jetzt, eine leblose Puppe die nicht weiß ob sie lebt. Ist es immer und immer wieder das Selbe? Beginnt alles wieder von vorn? Entstehen, Leben, Sterben? Nach dem Anziehen meiner Kleidung und ein wenig Zeit im Bad legte ich die Hand auf die Türklinke. Mit dem öffnen der Tür legte ich die Maske an. Ängste sind es die mich treiben. Schmerz als Treibstoff. Routine. Hingehen, Theater spielen, zurückkommen. Ob es anderen ähnlich oder gleich geht. Spielen sie auch? Manipulation, Lügen und Missverständnisse umgeben uns jeden Tag. Sah ich es zu missmutig? War ich etwa depressiv? Gründe gäbe es sicherlich genug, aber warum sollte man deshalb in eine Art von Trance fallen? Oder Lügen wir uns selbst an, spielen wir das Theaterstück nicht für andere sondern nur für uns selbst? Der Tag verging wie ein Traum. Ein kleiner Alptraum. Erst als der Schlüssel im Schloss zur eigenen Wohnung steckte und sich langsam drehte erwachte ich. Oder fing ich erst jetzt wieder an zu träumen? Ein völliger Charakterwechsel folgte mit dem Schritt über die Eingangsschwelle. Und doch war ich immer noch der Selbe. Ich? Es ist ein anderer Teil und es gibt noch mehr. Ein Gefühl der Freiheit stieg in mir auf. Der Versuch es festzuhalten scheiterte. Mein Gehirn machte mir ein Strich durch die Rechnung. „Nein“ schrie ich. „Ich will vergessen, es abschließen, es beenden. Es soll enden und nicht neu beginnen“ … „Ablenkung“ … „Flucht!?“
Der Tag näherte sich dem Ende und es wurde langsam dunkel. Die Dunkelheit löste ein wohliges Gefühl von Geborgenheit in mir aus. Es war soweit. Ein temporäres Ende wird kommen. Ich schlief ein. Erholung und Entspannung folgten. Bis ich aufwache und die Erinnerung an die Träume einsetzt. Ist es dieser Moment für den ich täglich aufstehe? Nur für das angenehme hinein sinken in einen Zustand des Vergessens?
Er streckte die Hand aus. Er nahm die Klinge und beginnt langsam durch sein eigenes Fleisch zu schneiden. Der Schmerz setzt ein. Er fühlt es. Er fühlt den Schmerz. Er fühlt das herabrinnende Blut. Zärtlichkeiten.
Er sieht die Aura seines eigenen Arms. Wunderschön.
Er legte den Mund auf die Wunde und biss zu.
Ich fühle, also lebe ich.