Gebeugt und langsam voranschreitend, drangen Geräusche aus allen Ecken des Gotteshauses hervor. Kauernde Gesten, Verzweiflung und der Gesichtsausdruck alles dafür zu tun was notwendig war, kamen Kristin auch hier entgegen. Während die Engel weiter kämpften, war die Welle der Zerstörung an diesem Ort bereits vorbei gezogen. Leid, Elend und Schmerz waren die einzigen Hinterlassenschaften dessen. Ironie des Schicksals das sich die Überlebenden hier, im Thron des Verrates und Irrglauben, Schutz suchten. Jahrelang beteten sie. Und sie wurden dafür belohnt. Belohnt mit Hass, Gewalt und Zwiespalt. Niemand, selbst die Allmächtigen, haben dies nicht vorausgesehen. Es war die falsche Interpretation dessen was wir als Erlösung verstanden. Wir wurden erlöst. Erlöst von unserem Schutz. Wir wurden unserem Schicksal überlassen, falls dieses noch existent ist oder je war.
Kristin erreichte das was von der Kanzel noch übrig geblieben ist, verweilte kurz und begann leise zu summen. Ein Summen, welches sich langsam in ein Lied wandelte. Wie hypnotisiert standen die Menschen, die dazu noch fähig waren, auf und sammelten sich. Musik war diesem Ort fremd geworden, war den Menschen fremd geworden. Gebannt warteten sie auf eine Reaktion.
…
Kommet zusammen
und höret die Stimme,
leiten wird sie euch auf immer.
Vertraut ihr, glaubet ihr.
…
Eine Pause folgte und sie setze wieder zum Sprechen an:
„Meine Reise war lang, entbehrungsreich und ich habe sie überlebt. Viele sind gestorben, einige umgekehrt, andere haben am Sinn gezweifelt. Alle von euch können sich an den Anfang erinnern. An das Ende wird sich jedoch niemand erinnern. Unser Gott ist tot, gestorben durch seine Untertanen, die wir einst als Engel bezeichneten. Doch dies war für sie nicht genug, sie wollen auch seine Schöpfung auslöschen. Uns. Verwüstung überall, nichts ist mehr von dem übrig
was wir uns einst über vergangene Jahrhunderte aufgebaut hatten. Das Beten, das Bereuen und selbst die Hoffnung sind vergebens.“
Keine noch so kleine Reaktion zeigten die lumpigen Gestalten die vor Kristin standen.
„Ihr werdet sterben, keiner von euch wird dieses Massaker überleben. Propheten der Vergangenheit wussten das dieser Tag kommen würde und gaben ihm einen Namen. Apokalypse. Wir wussten nicht was wir heraufbeschworen als wir beteten und Häuser, so dunkel und imposant wie dieses einst, erbauten. Nur um unserem Herren zu huldigen. Wir ahnten ja nichts…
Wir sind alle infiziert! Dem ausgeliefert was mit uns geschehen wird. Sie schöpfen Kraft aus unserem Leben. Nicht aber aus unserer Seele. Wir sind dazu fähig ihnen diese Kraft zu nehmen. Es obliegt unser Entscheidung.“
Die Leute vor Kristin wandten sich den noch den zu schwachen und den verkrampften am Boden zu, halfen ihnen sie zum Kreis in der Mitte zu bringen.
„Es existiert kein Heilmittel. Ein Gift, welches nur den Feind infiziert benötigt kein Heilmittel. Einem Feind dem kein Mitgefühl gewährt wird. Wir sind der Feind. Wir sind das Übel auf dieser Welt. Wir haben den Teufel, den wir auf ewige Zeiten fürchteten nun gefunden. Namen gaben wir ihm viele die sich mit der Geschichte änderten; Teufel, Satan, Luzifer, Verdammnis, Untergang… Seinen wahren Namen erkannten wir erst im Ende der Zeit. Wir schauten in den Spiegel… – Mensch. Wir haben ihn in uns selbst gefunden.“
Alle Anwesenden waren nun um den Kreis versammelt. Aus Kristin’s einsetzenden Summen wurde wieder ein Lied. Eine wundervolle sanfte Stimme erfüllte den Raum:
…
Klingentanz, Tanz der Klingen
Lasset sie wandern durch Ader, Vene und Blut
Lasst Angst und Schmerz von euch
Das Fleisch ist schwach, der Wille ist stark/alles.
Schneidet heraus die Seele
Trennt ab Haut von Muskel,
Muskel von Sehne,
Sehne von Organ,
Organ von Leben
Die Seele wird frei sein,
Frei vom Körper,
Frei vom Leben,
Frei von Qualen.
…
Kein Widerspruch, kein Schrei, kein Wille erfüllte den Raum. Nur eine letzte Melodie verhallte noch:
…
Kommet zusammen
und höret die Stimme,
leiten wird sie euch auf immer.
Vertraut ihr, glaubet ihr.
…
Sie wird euch folgen
…
Bis auch sie erstarb.
Stille.